Finanzmärkte: Wenn das Navi einen mitten in den Stau führt…

Aktualisiert: Mai 14

(veröffentlicht auf cashkurs.com am 04.10.2019)


Wenn man in Fachzeitschriften aus dem Finanzsektor schaut oder sich auf einschlägigen Börsenseiten umsieht, wird man schier erschlagen von der Vielzahl an Empfehlungen und Anlagestrategien. Doch wem soll und kann man glauben? Welchem Rat soll man folgen? Welche Strategie ist die beste? Die menschliche Psyche spielt uns da oft ein Schnippchen.


Buy, Hold oder Sell?

Der Markt kann nur funktionieren, wenn es Optimisten und Pessimisten zugleich gibt. Und natürlich auch Anleger, die an der Seitenlinie stehen. Gäbe es nur Optimisten, gäbe es keine Aktien zu kaufen. Denn welcher Optimist verkauft denn seine Aktien? Wären alle Anleger nur Pessimisten, würde keiner seine Aktien mehr loswerden. Denn welcher Marktpessimist kauft schon Aktien?

Es ist also völlig normal, dass es Optimisten und Pessimisten zugleich gibt. Diese treffen sich an der Börse und tauschen ihre Meinungen aus, indem sie Aktien an- und verkaufen. Fragen Sie mehrere Analysten und Vermögensverwalter zu ihrer Meinung zu einem bestimmten Markt oder einer Aktie, werden Sie auch hier drei Meinungen finden: Buy, Hold und Sell. Das witzige ist, dass alle Analysten ihre Meinung super und für uns völlig logisch begründen können.

Da die meisten Menschen in Finanzdingen vom Wesen her eher Pessimisten sind (also mehr ängstlich als mutig), treffen warnende Worte schneller auf offene Ohren als optimistische. Im Zweifel orientiert sich der Anleger an der Analystenmeinung, die seinen eigenen Empfindungen am ehesten entspricht. Er fühlt sich dann bestätigt.

Angst und Gier……

sind zwei völlig menschliche Eigenschaften, mit denen jeder von uns mehr oder weniger gut umgehen muss und kann. Sie begleiten uns ständig, jeden Tag. Die Börsenweisheit Nummer 1 lautet: billig kaufen und teuer verkaufen. Wenn das so einfach wäre! Steigen die Kurse, kann die Gier so groß werden, dass sie uns daran hindert, den Gewinn zu realisieren. Sie könnten ja noch weiter steigen. Fallen die Kurse, verhindert bei vielen Anlegern Angst die vielleicht einmalige Chance, Aktien preiswert zu kaufen, auch zu nutzen. Oder auch die Gier. Man könnte die Aktien ja auch noch billiger bekommen!?

Was interessiert das Geschwätz von gestern?

Ich erlebe es immer wieder, dass nicht nur Anleger, sondern auch Anlageberater eine Anlage/-strategie empfehlen, die vorher bereits gut gelaufen ist. Doch was können uns denn frühere Kursbewegungen sagen?

Charttechnik / Trendfolgemodell

Allzeithochs, 200-Tage-Linie, Schulter-Kopf-Schulter-Formation – für viele Börsianer ist die Chartanalyse das Allheilmittel für den Anlageerfolg, liefert sie doch angeblich wichtige Kauf- und Verkaufssignale. Andere können ihr nichts abgewinnen. Bei der Chartanalyse handelt es sich eher um stark vereinfachte, subjektive Interpretationen, die in der Praxis stark vom jeweiligen Betrachter abhängen. Diese Technik funktioniert umso besser, je mehr Anleger daran glauben und danach handeln. Man nennt das die „sich selbst erfüllende Prophezeiung“.

Markowitz-Theorie

Markowitz hat eine Berechnungsmethode entwickelt, die es ermöglicht, ein risikoeffizientes Portfolio aufzustellen. Die Markowitz-Theorie stellt eine erweiterte Wahrscheinlichkeitsrechnung dar, die Renditeerwartung und historische Standardabweichung der Titel berücksichtigt, um Portfolios zu entwickeln, die stabil bzw. effizient bleiben sollen. Es geht dabei vor allem um eine geringe Korrelation - also um geografische und Branchenunabhängigkeit von Titeln innerhalb eines Portfolios.

Value at Risk (VaR)

Das VaR kann grundsätzlich für jedes stochastisch modellierbare Risiko angewendet werden. VaR-Modelle wurden ursprünglich zur Messung von Marktpreisrisiken (Marktpreisrisikomodelle) entwickelt. Die Aktienkurse, Wechselkurse, Zinsen etc. (sogenannten Risikofaktoren) gehen mit den Schwankungsbreiten (Volatilität) zukünftiger Änderungen und den Zusammenhängen (Korrelation) zwischen den Änderungen verschiedener Risikofaktoren in die Berechnungen ein. Marktpreisrisikomodelle werden zur Risikomessung von Portfolios eingesetzt und in den meisten Bankprogrammen für die Erstellung und Betreuung von Kundenportfolios.

Risk Parity

Die Idee hinter dem von Ray Dalio entwickelten Konzept ist relativ simpel. Im traditionellen, gemischten Investmentfonds investiert der Manager in Aktien und Anleihen (Bsp. 60 %/40 %). Der Schwachpunkt dieser 60/40 Portfolios liegt darin, dass dadurch das Risiko ungleich verteilt wird.

Im Risk Parity Portfolio werden die verschiedenen Assetklassen so gewichtet, dass jede Assetklasse annähernd gleiche Risiko-Ertrags-Kennzahlen hat. Dabei können dem Portfolio neben Aktien und Anleihen natürlich auch viele weitere Assetklassen beigemischt werden. Die Risikoanpassung kann auch durch derivate Geschäfte erfolgen.

Dalio war so erfolgreich, dass sein vor mehr als 40 Jahren gegründetes Unternehmen Bridgewater Associates heute mit 160 Mrd. US-Dollar der größte Hedgefonds der Welt ist. Knapp 20 Jahre später nutzt ein Viertel der US-Pensionskassen bereits diesen Investmentansatz, bei fast allen Großanlegern ist die so genannte Risk-Parity-Strategie bekannt, die auf Dalios "All Weather Fund" zurückgeht.

Was haben diese Theorien gemeinsam?

  • Alle Modelle basieren auf der Betrachtung von Vergangenheitswerten in der Hoffnung, dass diese durch die magische Kugel eine Aussage über zukünftige Risiken und Chancen zulässt. In jedem Kundeinformationsblatt zu einem Finanzprodukt (Fonds, ETF …) finden Sie einen wichtigen Zusatz (so oder ähnlich): „Die Wertentwicklung in der Vergangenheit ist keine Garantie für die künftige Entwicklung.“. Upps???

  • Alle Modelle stammen aus den USA und verloren ihre Überlegenheit just in dem Moment, als sie den Weg aus der Ultra High Net Worth Individuals (UHNWI)-Betreuung in das klassische Retailgeschäft der Geschäftsbanken übernommen, also der „Allgemeinheit“ zugänglich wurden.

  • Auch die passive Anlagestrategie mit ETF´s kommt aus den Staaten. Der erste ETF wurde 1970 von der Investmentgesellschaft State Street Global Advisors konstruiert. Erst 2000 (also 30 Jahre später) wurde der erste ETF in Deutschland zugelassen. Und es brauchte noch weitere zehn Jahre, bis diese Anlageform in den deutschen Medien publik gemacht wurde. Wenn das mal kein Omen ist?


Fragen über Fragen

  • Warum sollen nun ausgerechnet die Analyse-, Portfolio- bzw. Risikomodelle, die ja Grundlage für jeden Portfolio- und Fondsmanager sind, der heilige Gral für den Erfolg sein?

  • Warum müssen alle Banken das Kundenprofil (Risikotragfähigkeit) ihrer Kunden mit dem Risikogehalt ihrer Portfolioempfehlung über ein Risikomodell abgleichen, dessen Aussagekraft heute eher zu wünschen übriglässt?

  • Wenn schon seit Jahren die systematischen Risiken (Inflation, politische Ereignisse, Naturkatastrophen…) gegenüber den unsystematischen Risiken zunehmen, wie aussagekräftig ist dann zukünftig eine noch so abgefahrene Value-at-Risk Berechnung?

  • Wenn die Wirtschaft sich weiter so globalisiert, wird eine Diversifizierung (a la Markowitz) immer schwieriger. Die Zeiten, wo es uns in Europa egal war, dass in China ein Sack Reis umfällt, sind lange vorbei. Heute husten wir bereits, wenn Asien einen Schnupfen bekommt.

  • Wenn die Notenbanken durch Ihren Niedrigst-Zinspolitik sämtliche Bewertungsrelationen über den Haufen werfen (hier mein Artikel vom 06.09.2016), ist es dann überhaupt noch möglich, finanzielle Risiken und faire Bewertungen glaubwürdig zu ermitteln?

Eine Diversifizierung ist heute fast nur noch über Branchen und kaum noch über Regionen möglich.


Die Marktrendite kann nur einmal verteilt werden

Sie haben zehn Kinder und 20 Bonbons, die es zu verteilen gilt. Die von den Kindern zu erwartende „Rendite“ sind zwei Bonbons. Warum auch immer erhält eines der Kinder sechs Bonbons. Die „Rendite“ dieses Kindes liegt nunmehr bei sechs. Also um 200 % über der Marktrendite. Er ist der Sieger, denn er hat outperformed. Im Gegenzug haben entweder vier Kinder nur ein Bonbon oder zwei Kinder kein Bonbon erhalten. Es können also nicht alle Kinder drei Bonbons erhalten, wenn nur 20 vorhanden sind. In der Praxis jedoch glaubt man offensichtlich immer noch, dass es jeder schaffen kann, dauerhaft besser als der Markt zu sein. Wie das funktionieren soll, erschließt sich mir nicht!

Wenn das Navi einen mitten in den Stau führt

Ein gutes Navigationsgerät darf in einem Pkw heute nicht fehlen. Die erste Generation zeigte uns an, welcher Weg der kürzeste oder der schnellste ist, um von A nach B zu kommen. Die zweite Generation zeigte uns schon an, wo es Unfälle oder Staus gibt und empfahl dem Fahrer eine alternative Route. Die modernsten Navigationsgeräte berücksichtigen den Verkehrsfluss heute in Echtzeit und sollen so den Fahrer elegant um Staus herumführen.

Ist das nun automatisch ein Vorteil, wenn Daten in Echtzeit zur Verfügung stehen?

Kommt darauf an. Wenn Sie der einzige sind, der die Information rechtzeitig erhält, sind Sie der Sieger. Je mehr jedoch vom Navi von der Autobahn auf die Umgehung (Landstraße) verwiesen werden, desto geringer wird Ihr Vorteil. Wenn Sie Pech haben, stehen Sie dann in der schmalen Nebenstraße im Stau. Und dann geht gar nichts mehr! Und teurer kann es Sie auch kommen, wenn durch den Umweg der Spritverbrauch steigt.

Auf der Autobahn zu bleiben und eine Weile im Stau zu stehen, kann manchmal besser sein. Doch wer weiß das schon (vorher)? Das unsystematische Risiko Stau kann das Navi ggf. einschätzen. Das systematische Risiko Mensch jedoch nicht.

Die Markowitz-Theorie hatte in der Zeit, als die Märkte noch nicht so globalisiert waren und die für die Berechnungen notwendige Rechentechnik nur einer elitären Anlegerschaft zur Verfügung stand, echte Vorteile für den Anleger. Heute, wo in fast jedem Haushalt ein leistungsfähiger Computer steht, gibt es diesen Vorteil so gut wie nicht mehr.

Auch für die Chartanalysten unter Ihnen stehen heute (teils kostenfrei) Angebote zur Verfügung, die automatisiert Chartverläufe analysieren und Kauf- als auch Verkaufsmarken berechnen.

Die Banken beraten ihre „Normal“-Kunden fast nur noch standardisiert oder gar nicht, da die von der Politik vorgeschriebenen Angemessenheitsprüfungen und Dokumentationspflichten die Kosten für eine individuelle Beratung in die Höhe schnellen lassen. Die „kleinen“ Anleger werden also im großen Stil gleichgerichtet beraten und erhalten dieselbe Portfoliostruktur.

Mit dem Aufkommen von passiven Investments (ETFs) wird die Gleichrichtung der Anlagen weiter verstärkt. Wenn zukünftig immer mehr nur Märkte und keine Einzeltitel oder individuell gemanagte (aktive) Fonds gekauft werden sollen, stellt sich mir die Frage, wie dann der Wertpapierhandel noch funktionieren soll? Ich bin gespannt, wie sich reine ETF-basierte Portfolios entwickeln werden, wenn es zu einem größeren Crash kommt.

Zusammenfassung

In der heutigen technisierten Welt gibt es für den Anleger kaum noch Vorteile aus Theorien, die aus der Vergangenheit stammen. Im Gegenteil! Die Gefahr, dass das „alte Navi“ von einigen wenigen (die das Geld und die Möglichkeiten haben) missbraucht und der Verkehr von ihnen beeinflusst wird, um ganz gezielt Hindernisse und Staus zu fabrizieren und für Irritationen zu sorgen, nimmt zu. Viele der vergangenen Kursbewegungen lassen dieses zumindest vermuten.

Vielleicht ist die Schwarmtheorie die Anlagestrategie der Zukunft? Wenn ich das Schwarmverhalten messen und vorhersagen kann, kann ich es auch für mich nutzen. Ich muss nur dafür sorgen, dass aus vielen Individuen möglichst große Schwärme werden. Mit KI wird zumindest schon fleißig daran gearbeitet.

Ist das der Grund, warum ich das Gefühl nicht loswerde, dass die Anleger durch MIFID 2, ETFs, Roboadvisor und standardisierter Beratung immer mehr gleichgerichtet werden? Ein Schelm, wer dahinter eine Strategie vermutet.


Die Börsengurus…

…von morgen sind die, die heute wunderbar erklären können, warum gestern etwas wie passiert ist. Warum sollte ein Mensch gerade Ihnen die einzigartige Empfehlung geben, die Sie reich macht? Wenn dieser Tipp so gut ist, warum behält er ihn nicht für sich, setzt ihn selbst um und wird allein reich?

Wenn eine Nachricht von A (Nachrichtenlieferant) über B (Nachrichtenempfänger/Medien) zu C (Hörer, Leser, Anleger) gelangt, sollten Sie wissen, dass Sie nie Insider sein können. Auch wenn Sie der erste sind, der den Fernseher anschaltet oder der erste, der sich die aktuelle Börsenzeitung kauft. A allein ist der Insider und B der erste, der damit „offiziell“ ein Geschäft machen kann. Die „Chinese Wall“ zwischen Research und Handel bei Banken soll dieses garantieren. In der Theorie zumindest.

Meine Tipps

  • Glauben Sie eher denen, die die Wahrheit suchen als denen die angeben, sie gefunden zu haben.

  • Wer sich mit dem Durchschnitt zufriedengibt und zum Schwarm dazugehören möchte, investiert standardisiert und passiv. Wer mehr will, muss im wahrsten Sinne des Wortes aktiv werden.

  • Wenn Sie dem Stau aus dem Weg gehen möchten, werden Sie (auch gedanklich) flexibler. Manchmal ist das Auto (Aktie), mal der Bus (Fonds) und mal die Bahn (ETF) oder eine Kombination das beste Mittel, um ein Ziel zu erreichen. In der Stadt kann man sogar mit dem Fahrrad zügig vorankommen. Helikopter, Privatjet und Chauffeur können sich leider nur die wenigsten leisten.

Ich bin davon überzeugt, dass die Fundamentalanalyse und der normale Menschenverstand als die solidesten Indikatoren für eine sinnvolle Investmententscheidung gelten dürften. Leider sind heute mehr denn je dafür die Bewertungsrelationen völlig aus den Fugen geraten...

13 Ansichten

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