Finanzbildung? NDR: Wir nehmen Abstand!

(veröffentlicht auf cashkurs.com am 01.03.2019)


Bereits in seinen letzten beiden Beiträgen beschäftigte sich Honorarberater Andreas Borsch mit dem wichtigen Thema der finanziellen Bildung und der Frage danach, wessen Aufgabe es ist, diese zu leisten. Im folgenden Artikel berichtet er nun unter anderem über seine Erfahrungen, die er in diesem Zusammenhang mit den Medien machen durfte.


„…Der Auftrag des öffentlich-rechtlichen Rundfunks ergibt sich aus dem Grundgesetz, er ist darüber hinaus unter anderem im Rundfunkstaatsvertrag gesetzlich festgeschrieben. Danach soll der öffentlich-rechtliche Rundfunk mit seinen Programmangeboten „zur Information, Bildung, Beratung, Kultur und Unterhaltung einen Beitrag zur Sicherung der Meinungsvielfalt und somit zur öffentlichen Meinungsbildung“ leisten ….“ https://daserste.ndr.de/ard_check/fragen/Aufgabe-und-Funktion-des-oeffentlich-rechtlichen-Rundfunks-der-ARD,antworten104.html


Finanzthemen - Verbrauchersendung mit „Tiefgang“

Ich war doch etwas stolz, als mich die Redaktionen von „Markt“ und „Plus-Minus“ vor gut zehn Jahren das erste Mal fragten, ob ich für Ratgeberbeiträge zum Thema Finanzen als „kompetenter Protagonist“ zur Verfügung stünde.

Ich möchte jetzt nicht ausufernd die Dreharbeiten zu den Beiträgen schildern. Doch eines hat mich stutzig gemacht: Das Drehteam kam mit einem vorgefertigten Skript (Story) nach Schwerin gereist. Das Thema erfuhr ich vorher - die „Story“ erst bei Drehbeginn. Mein Text wurde mir zwar nicht vorgeschrieben, doch die Kernaussagen, die man haben wollte. Es war nicht einfach, diesem Beitrag eine persönliche Note oder gar eine eigene Sichtweise bzw. Meinung hinzuzufügen.

Von den fertigen Filmchen war ich meist enttäuscht. Was wollte Autor mit seinem Beitrag mitteilen und welche Erkenntnis sollte der Zuschauer daraus ziehen? Zu banal, zu verallgemeinert, die Grundstory im Vordergrund, finanzielle Bildung = Null!

Aber diese Art der „leichten Unterhaltung“ soll angeblich für die meisten Zuschauer ausreichend und von ihnen gefragt sein.


Finanzbildung muss alle erreichen

Dass finanzielle Bildung für viele Bürger wichtig ist, zeigt nicht nur das Interesse der Leser der hiesigen Regionalzeitung SVZ (Schweriner Volkszeitung) an den von mir dort bisher veröffentlichten Ratgeberreihen, sondern auch Ihr Interesse an den Beiträgen der vielen Autoren hier auf Cashkurs.

Doch viele Menschen sind bequem geworden. Sie lesen die Tageszeitung oder Bücher nicht mehr. Sie beziehen ihre Informationen, ihr Wissen, ihre Bildung mit zunehmendem Alter mehr und mehr aus dem Fernsehen.

Da verwundert das Ergebnis der Umfrage des Meinungsforschungsinstituts NFO-Infratest, demzufolge 67% der befragten Jugendlichen finanzielle Bildung von den Medien erwarten (siehe Artikel vom 15.02.2019). Wahrscheinlich soll hier unter „Medien“ das Fernsehen verstanden werden?

Doch das scheint dort bisher noch nicht angekommen zu sein.


Vermitteln Printmedien Finanzbildung?

Ich denke „Jain“. Die meisten Finanzzeitschriften refinanzieren sich zum größten Teil aus Werbeeinnahmen. Viele inhaltlich durchaus interessante Artikel und Themenbeiträge erhalten somit für mich immer ein „Geschmäckle“. Die Zeitschriften der Stiftung Warentest kommen der Sache schon etwas näher. Doch sie stellen selbst klar „Wir kaufen (anonym) und nehmen verdeckt Dienstleistungen in Anspruch. Wir testen und bewerten… Wir veröffentlichen…“. Der Begriff Finanzbildung taucht nur beim Projekt „Finanztest macht Schule“ auf.


Vermitteln Ratgebersendungen Finanzbildung?

Es gibt Ratgebersendungen (speziell beim öffentlich-rechtlichen Fernsehen), die Finanzthemen aufgreifen. Doch hier geht es oftmals um Themen wie Schuldenvermeidung, Falschberatung bei Banken und Versicherungen und um Risiken, die mit Geldanlagen verbunden sind.


Dass das Bildung ist und die Zuschauer motiviert, sich mit den eigenen Finanzen zu beschäftigen und sich mit den vielfältigen Möglichkeiten – auch außerhalb der Finanzbranche – auseinanderzusetzen, wage ich zu bezweifeln. Leider vermitteln diese Beiträge eher zu oft das Gefühl, dass Finanzthemen zu komplex sind, als dass man sie verstehen kann oder dass überall nur Risiken, Gefahren und Abzocker lauern.


Auch in Talkshows wird oft (ich vermute eher unbewusst) aufgezeigt, dass selbst die Politik nicht in der Lage ist, die ursächlichen Probleme der Bürger zu erkennen, geschweige dafür Lösungen zu finden und anzubieten. Dazu muss man sich nur die neuen Finanzmarktregulierungen zu MiFID II und PRIIPs ansehen. Viel hilft viel – scheint hier die Devise.


Bürokratie ohne Nutzen

Haben Sie schon einmal gezählt, wie viele Kundenunterschriften es bedarf, um ein Depot mit Abwicklungskonto nebst Erstellung des Risikoprofils, Beratungsprotokoll, Aufklärung zu allgemeinen und speziellen Risiken, Kosten zu Zuwendungen zu eröffnen? Haben Sie schon einmal das Verhältnis von Risikohinweisen zu Chancen berechnet oder die Anzahl der dem Kunden auszuhändigenden Seiten gezählt?

Man könnte ein Taschenbuch daraus binden lassen. Kaum ein Kunde versteht das, ganz zu schweigen von der fehlenden Zeit und Muße, das zu lesen.

Ich habe mittlerweile Schwierigkeiten, meinen Mandanten diese Unterlagen per Mail - selbst als komprimierte ZIP-Datei - zukommen zu lassen. Sie sind zu groß für die meisten E-Mail-Provider.

Dem Verbraucherschutz kann das nicht dienlich sein – eher der rechtlichen Absicherung der Banken.


Wie wäre es mit einem Format „Raus aus der Unwissenheit!“ anstatt „Raus aus den Schulden“?

So wie man in Gesundheitssendungen den Zuschauern erklärt, welche Nährstoffe dem Körper guttun, dass weniger manchmal mehr ist, wie man aus der Unmenge an Lebensmitteln und Gewürzen eine leckere, gesunde und preiswerte Mahlzeit kochen kann, so muss es doch auch möglich sein, ein Fernsehformat zu entwickeln, welches Finanzkompetenzen vermittelt.


Im gleichen Atemzug kann man hier auch aufzeigen, welche Gefahren es geben kann, wenn man sich ungesund ernährt (schlechte/teure Finanzprodukte) oder sich ungenügend bzw. falsch bewegt (gute Finanzprodukte - nur falsch angewendet).


Wussten Sie, dass das Aufhören mit dem Rauchen (ein Big Pack pro Woche unterstellt) im Verhältnis zu einem Anlagevermögen von 10.000 EUR einer Rendite von knapp fünf Prozent pro Jahr entspräche? Und das bei null Risiko und perspektivisch besserer Gesundheit?


NDR – wir nehmen Abstand!

Mit einer Formatidee (Finanzielle Bildung) habe ich mich mehrmals an Fernsehredaktionen und Formatentwickler gewandt. Nicht, weil ich unbedingt ins Fernsehen möchte, sondern weil ich ein Format dieser Art als dringend erforderlich betrachte und in ein Gespräch darüber eintreten wollte.


Die Antwort (egal ob öffentlich-rechtliches oder Privatfernsehen) war erstaunlicherweise immer die gleiche. „Man könne sich ein Präventionsformat mit diesem Inhalt nicht vorstellen. Der Zuschauer möchte so etwas nicht sehen. Es fehle die Fallhöhe, um das Format erfolgreich zu platzieren.“

Hier die (Teil-) Antwort zu meiner letzten Anfrage vor ein paar Wochen:

„Einem Format, um unseren Hörern, Zuschauern und Online-Usern finanzielle Bildung näher zu bringen, stehe ich skeptisch gegenüber. Das NDR Landesfunkhaus droht dort Gefahr zu laufen, Geldanlagen zu bewerten. Ich bitte um Verständnis, dass dies nicht zu den Aufgaben des öffentlich-rechtlichen Rundfunks gehört. Im Unterschied zu Formaten, die sich mit Ernährung oder Gesundheitsvorsorge beschäftigen, ist eine Finanzberatung eine individuelle Angelegenheit. Die Entwicklung von Adipositas oder seelischen Erkrankungen sind dagegen gesellschaftliche Trends, die sich bei weiterer Zunahme auf Kassenbeiträge oder Therapien niederschlägt. Vor diesen Hintergründen nehmen wir Abstand von einer Entwicklung Ihres Formatvorschlages.“

Ich möchte darauf hinweisen, dass ich dem Chefredakteur, genauso wie Ihnen in meinem ersten Beitrag, ausführlich erklärt habe, was ich unter finanzieller Bildung verstehe.


Seltsame Logik

Die Konsequenzen aus dem Auseinanderdriften der Vermögensverteilung, die zunehmende Altersarmut, die immer noch vorhandenen Fehlanreize im Banken- und Versicherungsgeschäft (Provisionen), die zunehmende Überschuldungsgefahr aufgrund von fehlender Finanzkompetenz und und und … sind keine gesellschaftlichen Trends und damit nicht relevant? Sie wirken sich nicht negativ auf die Sozialsysteme (öffentliche Kassen) aus?


Wozu dann die ganzen Studien? Was muss denn noch passieren, damit Entscheidungsträger in der Politik und bei den Medien die Wichtigkeit des Themas begreifen?


Fallhöhe! Fallhöhe?

Angeblich funktionieren nur deshalb Formate wie „Raus aus den Schulden“, „Mitten im Leben“, „Hartz und herzlich“ oder gar „Rosins Restaurants“, „Einsatz für vier Wände“ und „Ab in die Ruine“, weil sie eine „Fallhöhe“ haben. Führe jemanden vor, decke Unzulänglichkeiten oder Unfähigkeiten auf und dann kommt der große Retter in der Not und macht, dass alles wieder gut wird. Das will angeblich die Mehrzahl der Zuschauer sehen.

Was ist eine dramaturgische Fallhöhe? (aus dem Lexikon der Filmbegriffe)

„Die Bedeutung vor allem tragischer Umstände steigt für die Figuren wie für die Zuschauer, je höher eine Figur im Gefüge der gesellschaftlichen Ränge angesiedelt ist. Je tiefer sie fällt, desto intensiver ist das Mitgefühl des Zuschauers. Abhängig von sozialen Zugehörigkeiten ist der Verlust an materieller Sicherheit, sozialer Geborgenheit und Selbstwahrnehmung etc. eine Grundlage, das Scheitern des Helden für den Zuschauer anschaulich und nachvollziehbar zu machen. Je höher der Verlust für die Figuren, je unüberwindbarer ein Problem für die Zuschauer, desto stärker zieht die Story das Publikum in den Bann. Darum besiegen im Spielfilm die Helden immerfort überlebensgroße Bösewichte.“

"Wir wollen keine Finanzprodukte bewerten und bewerben"

Zitat:

„Auch wenn Sie finanzielle Bildung als "Vermittlung von finanziellem Basiswissen" bezeichnen, würde sich das Nordmagazin mit Ihrer Idee dem Verdacht aussetzen, Geldanlagen zu bewerben. Das ist mit unserem öffentlich-rechtlichen Auftrag als Regionalprogramm nicht vereinbar. Außerdem schaffen wir damit einen Präzedenzfall, der Türen und Tore für mehr Beraterformate in allen Kategorien öffnen würde.“

Auch hier hat der Chefredakteur (trotz wiederholter Erläuterung) den Inhalt von finanzieller Bildung nicht verstanden. Echte Finanzbildung – so wie ich sie verstehe – vermittelt Kompetenzen und kein Produktwissen.


Es gibt viele gute Finanzprodukte, die jedoch – unsachgemäß genutzt – beim Kunden finanzielle Schäden anrichten können. So wie es auch viele gute Medikamente gibt, die falsch verschrieben mehr schädigen als Nutzen bringen. Nicht jedes finanzielle Problem lässt sich mit einem Finanzprodukt lösen. Kann jemand nicht haushalten, kann ihm auch ein noch so günstiger Kredit nicht helfen.


Und wie soll ich das verstehen, dass mit einem Format zu Finanzbildung kein Präzedenzfall geschaffen werden soll (oder darf)? Sowas darf sich ein öffentlich-rechtlicher Sender nicht erlauben? Wovor haben sie denn Angst?


Banken und Versicherungen springen ein!

Seit ein paar Jahren werden in Deutschland immer wieder neue Studien zum Thema Finanzbildung veröffentlicht. AXA, Ing DiBa (heute ING), Union Investment, Swiss Life, Sparda-Bank … Die Liste wird Jahr für Jahr länger. Ein gutes Zeichen?


Neben der bekannten Erkenntnis, dass es um die finanzielle Bildung in Deutschland nicht gut bestellt ist, wird in diesen Studien immer wieder hervorgehoben, dass der deutsche Anleger zu sehr auf Zinseinnahmen denn auf Aktiengewinne setzt. Die Deutschen sparen sich deshalb zur Zeit jährlich um fast 43 Milliarden Euro ärmer. Börsenspiele sind ein von Banken gern genutztes Instrument der „finanziellen Bildung“, um Jugendlichen in Schulen den „Weg zu Wohlstand und Reichtum“ aufzuzeigen.


Versicherungen suggerieren gerne Sicherheit durch Versicherung. Doch nicht jedes Risiko lässt sich mit einer Versicherung beseitigen. Mit der richtigen Einstellung zum Leben, zur gesunden Ernährung, zu körperlicher Betätigung und zum Miteinander mit Menschen ließe sich zumindest ein Teil der Risiken reduzieren und zum großen Teil auch steuern. Aber damit kann man ja schließlich kein Geld verdienen.


Politik braucht Finanzbildung

Ca. 2,3 Billionen EUR sollen in Deutschland nahezu unverzinst auf den Konten und in Festgeldern liegen. Das ist ein riesiger Kuchen, an dem jede Bank und jede Fondsgesellschaft knabbern möchte.

Da wundert es nicht sehr, dass derzeit Friedrich Merz (Sprachrohr von Black Rock?) die „Aktienrente“ als Lösung gegen Altersarmut propagiert. Dabei vergisst er offenbar zu erwähnen, dass sich gerade die von Altersarmut Betroffenen keine Aktienanlagen leisten können. Woher auch?

Auch Merz könnte demnach etwas finanzielle Bildung vertragen, damit er erkennen kann, dass die Ursachen für Altersarmut nicht etwa die fehlende Aktienrente, sondern womöglich die geringen Einkommen, die ungleiche Vermögensverteilung und die ungerechte Vermögensbesteuerung sein könnten.


Ein dummes Heer lässt sich leichter führen?

Bürger zu befähigen, sich und ihr Umfeld besser zu begreifen, politische und wirtschaftliche Zusammenhänge besser zu verstehen und Fragen zu stellen, auf die die Politik keine Antworten hat, kann durchaus gefährlich für ein eingefahrenes System sein. Alle Ostdeutschen können das bestätigen.


Es ist und kann auch nicht Aufgabe der Politik, Medien und Schulen sein, den Bürger vor sich selbst zu schützen. Es wird immer Menschen geben, die sich weigern, Bildung und Arbeit anzunehmen, die Defizite im Umgang mit Anderslebenden und insbesondere Andersdenkenden aufzeigen, die sich keiner Herausforderung stellen möchten und Eigenverantwortung ablehnen.

Doch es muss Aufgabe des Staates sein, allen Bürgern die gleichen Voraussetzungen zu verschaffen, damit sie ihr Leben erfolgreich meistern können.


Hier können Sie die Erfahrungen von Andreas Borsch nachlesen, die er bei dem Versuch machte, das Thema finanzielle Bildung auf politischer Ebene voranzutreiben.

27 Ansichten

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