„Wie werde ich reich?“ Mit Strategie zum Erfolg - Teil 4: Chartanalyse

(veröffentlicht auf cashkurs.com am 09.06.2016)


Egal auf welche Art und mit welchen Investitionsinstrumenten man Geld investieren möchte. Das Wichtigste dabei ist, die Märkte analysieren zu können. Erst dann kann man den zukünftigen Kurs eines Vermögenswerts so präzise wie möglich bestimmen und erfolgversprechende Anlagestrategien erstellen. Neben der Fundamentalanalyse hat sich die technische Analyse als zweite Analyseart durchgesetzt. Ist sie der Heilige Gral des Anlegers, der Blick in die Glaskugel oder nur die Anleitung für ein Ratespiel?


Die Annahme

Anhänger der technischen Analyse sagen sich, dass es keinen Sinn macht, für jedes Unternehmen, jede Branche oder jeden Markt, in den ich gerne investieren möchte, den Aufwand zu betreiben, jeweils eine ausgiebige Fundamentalanalyse zu erstellen. Der Aufwand für die Erfassung betriebswirtschaftlicher Daten, die Betrachtung des ökonomischen und politischen Umfeldes oder die Ermittlung von betriebswirtschaftlichen Kennzahlen und aktienbezogenen Kenngrößen ist für den reinen Chartanalysten zu hoch und damit unrentabel. Er geht davon aus, dass er – egal welchen Aufwand er auch betreiben möchte – nie die Position des Insiders einnehmen kann, da alle ihm zugänglichen Informationen auch anderen Marktteilnehmern im selben Augenblich zugänglich sind.

Er ist der Meinung, dass alle Informationen zu einem Wertpapier, einer Branche oder Markt sich im aktuellen Börsenkurs manifestieren, da hier alle Meinungen der Optimisten, Pessimisten, Fundamentalanalysten, Spekulanten – so widersprüchlich sie auch sein mögen – zusammentreffen und je nach den Machtverhältnis zu einem Handelskurs des Wertpapieres führen.

Der aktuelle Börsenkurs ist also die Gesamtheit aller Marktmeinungen. Und damit die „aktuelle Wahrheit“.


Wichtiger Hinweis!

In meiner Reihe werde ich ganz bewusst nicht näher auf die Fundamentalanalyse eingehen, da dieses Thema jeden Tag auf Cashkurs.com umfangreich und professionell kommuniziert wird. Die Fundamentalanalyse ist insbesondere bei Einzeltiteln sinnvoll und bedarf hier umfangreiches Wissen und intensive Recherchen. Meine Reihe zielt vorrangig auf Anfänger und Kleininvestoren unter 100 TEUR Anlagevolumen. Um hier eine angemessene Streuung und Diversifizierung der Vermögensanlage zu erzielen, sollte die Vermögensstruktur vorrangig über ETFs oder aktiv gemanagte Fonds - also über Regionen und Branchen – und nicht über Einzeltitel abgebildet werden. Auch hier erhalten Anleger über cashkurs.com ausreichende Einschätzungen und Bewertungen in Form von fundamentalen Analysen.


Wesen der technischen Analyse

Die technische Analyse stützt sich ausschließlich auf die Kurse (also Marktmeinung) der Vergangenheit. Sie kommt also mit sehr wenigen Informationen aus. Diese einzelnen Kursinformationen aneinandergereiht bilden ein Kursverlauf, der sich – so die allgemeine Meinung – in regelmäßigen Abständen wiederholt und damit interpretierbare Chartmuster bildet.

Anhand bestimmter Chartmuster können technische Analysten sehen, wie sich Käufer und Verkäufer verhalten (z.B. Kauf- oder Verkaufsdruck). Da sich Verhaltensmuster in der Vergangenheit immer wieder in entsprechenden Preisformationen manifestierten, ist es möglich, diese zu identifizieren und eine Vorhersage über den wahrscheinlichen, zukünftigen Trend des Marktes zu treffen - sei es kurz-, mittel- oder langfristig.


Funktionsweise



Wenn man in einem Kursverlauf markante Umkehrpunkte mit einer Linie verbindet, bildet sich eine Trendlinie. Handelt es sich um untere Umkehrpunkte, dann spricht man von einer Unterstützungslinie. Sind es obere Umkehrpunkte, dann ist es eine Widerstandslinie. Je mehr Umkehrpunkte sich auf der Linie befinden, desto nachhaltiger ist die Aussage. Unterstützungs- und Widerstandslinien können einen Trendkanal aber auch andere Formationen bilden, die jeweils eine eigene Interpretation für die weitere Kursbewegung beinhalten.

Die Aussagekraft einer Kursbewegung wird durch den jeweiligen Börsenumsatz verstärkt. Steigende Umsätze bestätigen einen Trend, fallende Umsätze zeigen eine mögliche Trendumkehr an.


Indikatoren

Indikatoren sind Versuche, Kursveränderungen (Kursmuster) und Börsenumsätze über teils sehr komplexe mathematische Formeln in einer Zahl auszudrücken, die den Analysten dabei helfen soll, Kursverläufe besser zu interpretieren und Signale für wahrscheinliche Szenarien und Kursverläufe zu liefern.

Zu den bekanntesten Indikatoren zählt der gleitende Durchschnitt (Moving Average Simple). Dabei wird aus den letzten Kursen eines bestimmten Zeitraumes ein Durchschnitt gebildet, der den tatsächlichen Kursverlauf glätten soll. Durchstoßen nun Kurse diese Linien oder kreuzen sich MAS unterschiedlicher Zeitspannen, kann das eine Trendumkehr bedeuten.

Auf die einzelnen Interpretationen von Chartmustern und Indikatoren verzichte ich in meinem Beitrag, da dieses den Umfang sprengen würde. Interessierte Leser finden zur technischen Analyse ausreichend Fachliteratur.


Klarheit oder Verwirrung?

Als Vater der modernen Charttechnik gilt der US-Amerikaner Charles Henry Dow (Mitbegründer der Wallstreet und von Dow Jones) der seine Arbeiten um 1900 herum publiziert hat. Er entwickelte Konzepte zur zyklischen Entwicklung an den Märkten, um Trends zu erkennen die gerade herrschen.

Einen mathematischen Einschlag bekam die Chartanalyse durch den Mathematiker Ralph Nelson Elliot. Dieser erfand die Theorie der Elliot-Wellen, die ebenfalls der Entdeckung von Markttrends dienen sollen.

An den beiden Herangehensweisen von Dow und Elliot kann man bereits die beiden Hauptwerkzeuge innerhalb der technischen Analyse erkennen. Dabei handelt es sich einerseits um die Chartbetrachtung und andererseits um die Berechnung mathematischer Indikatoren.

Wie auch bei der Portfoliotheorie nach Markowitz, hat sich mit dem Einzug der Computertechnik die charttechnische Analyse revolutioniert. Analysetools gehören mittlerweile zum Standardangebot eines Onlinebrokers oder einer Direktbank. Unzählige „Chartprofis“ bieten täglich kostenlos oder kostenpflichtig ihre Analysen an und suggerieren dem wohlgeneigten Anleger eine Form von Sicherheit. Oft dienen diese Handlungsempfehlungen nur zur Steigerung des Umsatzes der Auftrag gebenden Depotbank. „Hin und Her macht Taschen leer“ – jeder Anleger kennt diesen Spruch.



Grenzen der technischen Analyse

Wenn man die obige stark vereinfachte Chartanalyse heute betrachtet, ist man leicht geneigt zu glauben, dass sich darin eine einfache Logik befindet und die damaligen Trends doch klar ersichtlich waren. Waren sie es?

Eine Trendlinie benötigt mindestens zwei Umkehrpunkte. Also zwei Kurse, die durchaus ganz zufällig entstanden sein können. Von diesen Linien benötigen wir jedoch zwei. Also noch einmal zwei zufällige Kurse. Um die Aussagekraft der Linien zu verstärken, benötigen wir den Trendbestätiger Börsenumsatz. Wir wissen, dass es mehr Verkaufspaniken als Kaufpaniken gibt, da die Angst der Anleger im Schnitt größer als deren Mut ist. Kurse fallen also in der Regel innerhalb eines kürzeren Zeitraumes als sie für einen entsprechenden Anstieg benötigen. Der Anleger läuft somit nicht nur Gefahr den Markt zu früh oder zu spät zu verlassen, sondern insbesondere danach nicht den Boden (Trendumkehr) zu finden und die Aufwärtsbewegung zu verpassen.

Bei so vielen Werten, die auf bloßem Zufall entstanden sein können, helfen auch die mathematisch ausgefeiltesten Indikatoren nichts, denn aus Zufall mal Zufall kann nicht Wahrheit werden.


Die falsche Magie

Die technische Chartanalyse wird gerne auch als die „sich selbst erfüllende Prophezeiung“ bezeichnet. Denn Sie funktioniert immer besser, je mehr Analysten daran glauben.

In unsicheren Börsenzeiten nutzen marktbeeinflussende Akteure diese Erkenntnis gerne dazu, Anleger ganz gezielt auszutricksen – nach dem Motto „links blinken und dann rechts abbiegen“. Da Absicherungsmarken (Stop-Loss) oder auch Kaufsignale (Stop-Buy) i.d.R. an charttechnisch begründete Kursmarken gesetzt werden, werden diese gerne getestet. Ist der Test erfolgreich, kommt es regelmäßig zu Verkaufswellen, die lawinenartig sein können. Zuerst kommen die strategischen Verkäufe dran. Danach die Zwangsverkäufer – also die, die aufgrund eines begrenzten Risikobudget verkaufen müssen. Und zuletzt die Anleger, die in pure Panik geraten.

Ob es sich bei der Korrektur um eine vom Umfang her gerechtfertigte oder übertriebene Bewegung handelt, ist aus der charttechnischen Analyse heraus nicht zu ermitteln. Hier bedarf es Unterstützung aus der Fundamentalanalyse. Bei Aufwärtsbewegungen sieht es ähnlich aus. Auch hier beginnen die Strategen mit den ersten Käufen und profitieren am meisten von der Gegenbewegung. Der ehemalige Panikverkäufer hingegen zweifelt aus Angst den Trendwechsel an und sieht oft in die Röhre.


Zusammenfassung

Da sich die technische Chartanalyse ausschließlich mit historischen Daten beschäftigt, ist sie nicht geeignet, Kurspotentiale zu ermitteln. Da die technische Analyse sich immer weiter verbreitet, kann die Kumulierung der Analysen zahlreicher Marktakteure eine bestimmte Kursbewegung des entsprechenden Vermögenswerts provozieren.

Die technische Analyse sollte immer ergänzend zur Fundamentalanalyse eingesetzt werden. Ein unerwartetes Ereignis kann nämlich die Schlussfolgerungen der technischen Analyse zunichtemachen, mögen sie auch noch so präzise sein.

Mit der Fundamentalanalyse können Sie den fairen Wert einer Aktie und somit auch eine Kursüber- oder -untertreibung bestimmen. Die Charttechnik kann Ihnen dann helfen, die aktuelle Marktpsychologie und geeignete Einstiegs- oder Ausstiegszeitpunkte zu ermitteln.

Auch für das Risikomanagement kann die technische Analyse sehr hilfreich sein, da sich mit der technischen Analyse Korrekturpotentiale (also statistische Risiken) ermitteln lassen.

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